Hexenbesen

Der Besenstiel – Ursprung und Mythos des Hexenbesens

Warum fliegt die Hexe auf einem Besen und nicht, sagen wir, auf einer Harke? Diese Frage klingt albern, aber sie führt tief in die Geschichte der Magie, der Volksmedizin und der kirchlichen Propaganda – und am Ende sogar in die Neurologie.

Der Besen: Ein Alltagsgegenstand mit magischer Vergangenheit

Bevor der Besenstiel zum Symbol weiblicher Wildheit wurde, war er einfach ein Haushaltsgegenstand. Aber ein Haushaltsgegenstand mit Symbolkraft. In fast allen Kulturen weltweit hat der Besen eine rituelle Bedeutung – weit über seine praktische Funktion hinaus.

In der römischen Antike fegte man mit dem Besen böse Geister aus dem Haus, wenn ein Kind geboren worden war. In China wird bis heute eine Besengöttin verehrt, die für gutes Wetter zuständig ist. Und in Mexiko kannte man eine Göttin, die reitend auf einem Besen dargestellt wurde. Der Besen reinigt nicht nur den Boden – er reinigt einen Raum von unsichtbaren Kräften. Das steckt schon lange in unserem kollektiven Gedächtnis.

Die Zaunreiterin: Woher das Wort „Hexe“ wirklich kommt

Mittelalterliche Hexe, hagazussa

Um zu verstehen, warum Hexen auf Besen fliegen, muss man erst verstehen, was das Wort „Hexe“ ursprünglich bedeutet. Es leitet sich vom althochdeutschen hagazussa ab – was man ungefähr mit „Zaunreiterin“ oder „Heckenreiterin“ übersetzen kann. Der Zaun markierte in der germanischen Welt die Grenze zwischen der bekannten, kultivierten Welt und dem Unbekannten dahinter. Die hagazussa war eine Grenzgängerin – eine Frau, die zwischen den Welten bewegte.

Aus der Zaunlatte wurde in der bildlichen Darstellung irgendwann der Besenstiel. Der Besen als Stab, als Rute, als verlängerter Arm dieser Grenzgängerin. Es ist eine Entwicklung, die so logisch ist, dass man fast nicht draufkommen muss – bis man es weiß.

Der Hexenbesen im Mittelalter: Flug, Sabbat und Blocksberg

Im Mittelalter explodierte der Mythos. Man glaubte fest daran, dass sich Hexen auf Besen zu geheimnisvollen Treffen begaben – dem sogenannten Hexensabbat. In der Nacht auf den 1. Mai, der Walpurgisnacht, flogen sie angeblich zum Blocksberg, um mit dem Teufel zu tanzen.

Die erste schriftliche Erwähnung eines Besenflug-Vorwurfs datiert übrigens auf das Jahr 1453 – und der Angeklagte war ausgerechnet ein Mann: Guillaume Edelin, ein französischer Priester. Das passte der Kirche später nicht mehr so gut in die Erzählung, weshalb der Hexenbesen zunehmend zur weiblichen Domäne erklärt wurde.

Kurios: Derselbe Besen, dem man übernatürliche Kräfte zuschrieb, diente gleichzeitig als Schutz. An die Außenwand gelehnt sollte er Hexen vom Betreten des Hauses abhalten. Denn – so die Logik – die Hexe müsste zuerst alle Borsten des Besens zählen, bevor sie eintreten dürfte. Und bis sie fertig war, krähte der Hahn.

Die Flugsalbe: Pharmakologie trifft Volksmagie

Jetzt wird es wissenschaftlich – und gleichzeitig ziemlich unheimlich. Denn hinter dem Flugmythos steckt möglicherweise eine sehr reale Erfahrung. Nur eben keine übernatürliche.

Die sogenannte Flugsalbe, die angeblich den Flug erst ermöglichte, enthielt laut historischen Quellen Nachtschattengewächse wie Tollkirsche (Atropa belladonna), Bilsenkraut (Hyoscyamus niger), Stechapfel (Datura stramonium) und Alraune (Mandragora officinarum). Diese Pflanzen enthalten Tropanalkaloide – Substanzen, die anders als klassische Halluzinogene sogenannte delirogene Zustände erzeugen. Der Unterschied ist entscheidend: Man weiß nicht, dass man halluziniert. Die Erfahrung fühlt sich absolut real an.

Herstellung einer Flugsalbe

Die Salbe wurde – so berichten historische Quellen – auf Besenstiele gestrichen und dann auf empfindliche Körperstellen aufgetragen: Achselhöhlen, Innenschenkel, Stirn. Schleimhäute nehmen Wirkstoffe besonders effizient auf. Das Ergebnis: ein Rausch, in dem Fliegen, Tierverwandlungen und Begegnungen mit dem Teufel nicht Fantasie, sondern erlebte Realität waren.

Ein Selbstversuch aus dem Jahr 1954, dokumentiert von Siegbert Ferckel, beschreibt es so: Herzrasen, Lähmungsgefühl – und dann der Flug. Hoch über der Stadt, durch Wolken, begleitet von Gestalten. Real wie der Morgen danach.

Das erklärt, warum die Protokolle der Hexenprozesse so konsistente Beschreibungen liefern. Menschen, die nie voneinander wussten, beschrieben dasselbe Erleben. Nicht Lüge, nicht Einbildung – sondern Chemie.

Der Besenstiel als magisches Symbol: Feuer und Luft vereint

In der praktischen Magie hat der Besen bis heute eine besondere Stellung. Der Besenstiel steht symbolisch für den Kraftstab – das männliche Prinzip, Feuer und Willenskraft. Das Reisig am Ende steht für die Rute – Luft, Bewegung, das Schwert der Magie. Im Besen verschmelzen diese beiden Kräfte zu einem Werkzeug.

Wer einen Besen bindet, vollzieht damit – bewusst oder unbewusst – eine magische Handlung. Das wussten die Frauen, die man später als Hexen verfolgte. Und das macht den Besen bis heute zu einem der wirkungsvollsten Symbole in der westlichen Magie.

Was bleibt: Der Stiel als Spiegel der Geschichte

Der Besenstiel ist mehr als Folklore. Er ist ein Spiegel auf Jahrhunderte der Angst vor Frauen, die Wissen besaßen. Kräuterkundige, Hebammen, Heilerinnen – Menschen, die an den Rändern der Gesellschaft lebten und die Natur besser kannten als die meisten. Genau diese hagazussa, diese Grenzgängerin, wurde zum Feindbild.

Der Hexenbesen ist das Bild, das die Kirche aus ihrer Freiheit gemacht hat.

Und vielleicht ist das der Grund, warum er bis heute fasziniert. Nicht wegen des Aberglaubens. Sondern wegen der Geschichte, die darin steckt.

Die verborgene Welt hinter der Magie

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