Hexensymbole

Hexensymbole in Stein – Zeichen, die das Böse aufhalten sollten

Oktober 2024. Forscher durchsuchen die Gainsborough Old Hall in Lincolnshire, England. Ein Herrenhaus, über 500 Jahre alt, schweigend wie immer. Dann findet Rick Berry das erste Zeichen. Dann das zweite. Am Ende sind es über zwanzig – eingeritzt in Holz und Stein, versteckt in Ecken, über Türrahmen, neben Kaminen. Pentagramme. Doppelte Kreise, die sich ineinander verschlingen.

Hexensymbole.

Nicht von Hexen angebracht. Gegen sie. Hexensymbole, die schützen sollten – nicht bedrohen.

Was das Böse braucht, um einzutreten

Die Menschen des Mittelalters und der frühen Neuzeit wussten etwas, das wir vergessen haben: Das Böse braucht eine Öffnung.

Es kommt nicht durch Mauern. Es kommt durch Türen. Durch Fenster. Durch Schornsteine, die nachts wie schwarze Schlünde in den Himmel starren. Überall dort, wo die schützende Hülle des Hauses unterbrochen ist, wo innen und außen sich berühren – dort ist die Schwelle. Und Schwellen sind gefährlich.

Also ritzten sie Zeichen – Hexensymbole, wie wir sie heute nennen würden, obwohl die Menschen damals nicht so dachten. Für sie waren es Schutzzeichen, Gebete in Stein.

Pentagramme, weil ihre Linien kein Ende haben und ein Dämon, der ihnen folgt, nie herausfindet. Doppelte Vs – zwei Buchstaben, die gemeinsam „VV“ ergeben, ein stilles Gebet an die Jungfrau Maria, Virgo Virginum, die Jungfrau der Jungfrauen. Kreise, um das Böse einzuschließen, zu fangen, festzuhalten wie ein Käfig aus Stein.

Und Brandzeichen. Kleine Brandspuren im Holz, die das Feuer beschwören sollten, bevor das Feuer sie fand.

In der Gainsborough Old Hall haben die Forscher über hundert davon gefunden.

Die Angst hat viele Gesichter

Es wäre einfach, darüber zu lächeln. Aberglaube, würden wir sagen. Mittelalterliche Einfalt.

Aber wer nachts allein in einem alten Haus sitzt – in einem Haus, das älter ist als das Vergessen – der weiß, dass manche Ängste älter sind als der Verstand. Dass etwas in uns auf Geräusche reagiert, die keine Erklärung haben. Auf Schatten, die sich falsch bewegen. Auf das Gefühl, dass hinter der Tür etwas wartet.

Diese Menschen hatten keine Alarmanlage. Keine Versicherung. Keine Polizei, die in zehn Minuten da ist.

Sie hatten einen Meißel. Und den Glauben, dass ein Zeichen im Stein stärker sein kann als die Dunkelheit draußen.

Vielleicht lagen sie nicht so falsch.

Was unter dem Verputz schläft

In Deutschland sind solche Hexensymbole seltener dokumentiert als in England – aber das bedeutet nicht, dass sie nicht existieren. Alte Sandsteinhäuser in der Pfalz, Fachwerkhäuser in der Eifel, Bauernhöfe im Schwarzwald. Viele wurden im Laufe der Jahrhunderte verputzt, renoviert, überschrieben.

Was darunter schläft, weiß niemand.

Vielleicht sind die Zeichen noch da. Eingeritzt von Händen, die längst Staub sind. Von Menschen, die nachts die Fensterläden schlossen und trotzdem nicht sicher schliefen. Die ein Zeichen in den Türsturz ritzten und dachten: Vielleicht reicht es.

Vielleicht reicht es ja.

Zeichen, die noch wirken

In CALIGO, meiner Romanwelt, spielen solche Zeichen eine Rolle. Nicht als Dekoration – als Notwendigkeit. Meine Figuren wissen, was die Menschen des Mittelalters wussten: dass Magie Grenzen braucht. Dass Schutz nicht aus dem Nichts kommt. Dass man ihn einritzen, einschreiben, einbrennen muss.

Und dass manche Türen besser verschlossen bleiben.

Die Forscher in Lincolnshire nennen die Zeichen „apotropäisch“ – vom griechischen apotrepein, abwehren, umkehren. Aber das klingt zu klinisch für etwas, das aus reiner Angst entstand. Aus dem Wunsch, die eigenen Kinder sicher schlafen zu sehen.

Ich nenne sie das, was sie sind: Gebete in Stein.

Wenn du das nächste Mal an einem alten Haus vorbeigehst – schau hin. Nicht auf die Fassade. Auf die Schwellen. Auf die Türrahmen. Auf die Stellen, wo Stein auf Stein trifft und eine Linie entsteht, die innen von außen trennt.

Vielleicht ist da nichts.

Vielleicht schläft da noch ein Zeichen, das jemand vor Jahrhunderten eingeritzt hat.

In CALIGO Band 2 ritzt Alfred Schutzzeichen in seine Türrahmen – um die Stimmen der Toten draußen zu halten. Dieselbe Geste, dieselbe Angst, Jahrhunderte später.

Die verborgene Welt hinter der Magie

Was, wenn Inquisition, Kriege und Klimakatastrophen eine uralte Ursache haben? CALIGO spielt nicht in einer Fantasywelt – sondern in der Pfalz. Und was dort in den Kellern schlummert, hat Hunger.

Jetzt entdecken →

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert